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Kastration - Ja oder Nein?

  • 3. März
  • 4 Min. Lesezeit

Heute geht es um ein Thema, das die Hundenation spaltet:

Die Kastration.

Es herrscht viel Misinformation in der Hundebubble - heute möchte ich euch über einige fehlerhafte Glaubenssätze, insbesondere in Bezug auf Hündinnen, aufklären.


Operative Eingriffe müssen überlegt sein.

Es gibt zahlreiche hartnäckige Mythen um das Thema Kastration - oftmals gar nicht oder nur unzureichend belegt bzw. unter Missachtung wichtiger Faktoren.

Klar für mich ist: Eine Operation ist immer ein Risikofaktor und sollte nur dann durchgeführt werden, wenn es deutliche Gründe dafür gibt. Ein Lebewesen aus Bequemlichkeit dieser Gefahr auszusetzen, halte ich für vollkommen fehl am Platz.


Faktencheck: Kastration = Sterilisation?

Als Kastration bezeichnet man die Entfernung der Eierstöcke bei der Hündin, sowie der Hoden beim Rüden. Bis vor einigen Jahren wurde die gesamte Gebärmutter entfernt - heute ist dies keine gängige Methode mehr. Der Eingriff ist groß und birgt deutlich mehr Risiken. Die Entfernung der gesamten Gebärmutter erfolgt im Normalfall nur noch, wenn eine Entzündung o.ä. vorliegt.

Eine Sterilisation beschreibt das Durchtrennen der Samenleiter/Eileiter. In diesem Artikel geht es explizit um die Kastration, da dies die am meisten angewandte und diskutierte Methode ist.


Fehlinformation #1: Nach der ersten Läufigkeit

 

Ein sehr hartnäckiger Mythos ist, dass man nur die erste Läufigkeit abwarten solle. Dann ist der Hund "fertig entwickelt" und brauche seine Hormone nicht mehr. Oftmals liegt der Grund in der "mühsamen" Blutung.

Na, merkt ihr schon, wo der Fehler liegt?

 

Hündinnen werden im Schnitt zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat läufig - wobei kleinere Rassen früher, größere Rassen eher später dran sind. Eines stimmt: bis dahin finden essenzielle Entwicklungsschritte im Hundekörper statt. Danach ist aber noch lange nicht Schluss. Je nach Größe der Rasse kann das Knochenwachstum bis zu 24 Monate in Anspruch nehmen - eine Phase, in der auch Sexualhormone (Östrogen, Progesteron) eine tragende Rolle für die Entwicklung der Wachstumsfugen spielen. Aber auch im Verhalten tut sich noch so einiges. Wird also zu früh kastriert, nimmt man zahlreiche Risiken in Kauf:

 

  • Verzögerte Entwicklung: Die Hündin kann in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung gehemmt werden. Verhaltensprobleme wie Lärmphobien, Angstreaktionen oder unsicheres Verhalten treten eher auf

  • Orthopädische Probleme: Aufgrund des Fehlens von Östrogen schließen sich die Wachstumsfugen später. Die Folge: Gelenkinstabilität, erhöhtes Risiko für Hüftgelenksdysplasie (HD), Patellaluxation und Kreuzbandrisse

  • Krebsrisiko: Es besteht ein höheres Risiko für bestimmte, oft bösartige Tumorarten, wie zum Beispiel Knochenkrebs (Osteosarkom)

  • Harninkontinenz: Früh kastrierte Hündinnen, insbesondere über 20 kg, haben ein erhöhtes Risiko, an einer schwächenbedingten Inkontinenz zu leiden

     

Fehlinformation #2: Kastration als Tumorvorsorge

 

Bella musste medizinisch indiziert im Alter von 8 Jahren kastriert werden.
Bella musste medizinisch indiziert im Alter von 8 Jahren kastriert werden.

Die Behauptung: "Die Kastration senkt das Risiko auf Tumore."

Die dazu passende Studie ist weit über 50 Jahre alt: 1969 fanden Schneider et al. Zusammenhänge zwischen einem hormonellen Stimulus und Gesäugetumoren. Schneidet man die Zufuhr von Östrogen und Progesteron ab - also den hormonellen Stimulus - sinkt das Risiko auf einen Mammatumor rapide.

 

ABER: Das ganze müsste im "besten" Fall dann vor der ersten Läufigkeit passieren, womit die Wahrscheinlichkeit auf 0,5% sinken würde. Zwischen der 1. und 2. Läufigkeit sinkt das Risiko auf ca 8%, alle Kastrationen danach zeigen einen signifikanten Risiko-Anstieg. Ab 2,5 Jahren hat es dann quasi keine Auswirkungen mehr.

 

UND: Dann wären wir wieder beim Thema der zu früh stattfindenden Kastration. Ihr geht damit das Risiko ein, dass sich eure Hündin unzureichend entwickelt. Wachstumsfugen bleiben offen und erhöhen das Chance auf orthopädische Probleme sowie auf anderweitige Krebsarten oder Verhaltensauffälligkeiten.

 

Sexualhormone beeinflussen die Entwicklung intensiv. Nicht nur körperlich, sondern auch verhaltensbiologisch, da Hormone das Gehirn und das Sozialverhalten formen.

Fehlinformation #3: Kastration als Verhaltenstherapie

 

"Man sagt ja, dann wird sie ruhiger." Schade, dass dieser Mythos hierzulande so standfest bleibt. Hunde werden nicht automatisch ruhiger, sobald ihnen die Hormonzufuhr abgeschnitten wird. Vor allem nicht jene, die zu früh kastriert werden. Und schon gar nicht jene, die davor bereits Schwierigkeiten mit ihrer Umwelt hatten.

 

Ganz im Gegenteil: Die Chance, dass sich bereits zuvor bestehendes Problemverhalten festigt, ist sehr groß. Unerwünschtes Verhalten abzutrainieren wird also signifikant schwerer. Östrogen und Progesteron, sowie Testosteron beim Rüden, sorgen für eine Stabilisierung des Verhaltens/Stresshaushalts.

Sollte euer Hund ein Problemverhalten an den Tag legen, unterstütze ich euch gerne beim Training. Eine Abkürzung durch die Kastration ist leider Wunschdenken.

 

Fehlinformation #4: Kastration mindert Eifersucht

 

"Nele ist so eine eifersüchtige Hündin, immer wenn wir kuscheln drängt sie sich zwischen uns oder bellt. Bestimmt weil sie noch intakt ist."

Auch hier muss ich euch leider enttäuschen. "Eifersucht" entsteht nicht durch die Hormone, die in den betreffenden Sexualorganen erzeugt werden.

Das zuständige Hormon Prolaktin wird in der Hirnanhangdrüse produziert.

 

Ein möglicher Grund: Nach der Läufigkeit sinkt das Progesteron, während Prolaktin ansteigt. Dies bedingt dann die allseits bekannte Scheinträchtigkeit. Dabei ist der Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht, mütterliche Instinkte (Nestbau, Verteidigung) werden geschärft. Diese Symptome können durch eine situative Unterstützung des Halters gut gemildert werden.

 

Zeigt die Hündin abseits jeglicher Scheinträchtigkeit ein erhöhtes "Eifersuchts"-Verhalten, kann der Prolaktinspiegel auch durch erhöhten Stress angestiegen sein. Hier steht dann gezieltes Training und Stressreduktion auf dem Plan. Das kann je nach Verhalten und Hund sehr unterschiedlich ausfallen.


Eine Kastration ist keine Verhaltenstherapie.

Wo kann ich mich weiter informieren?

 

Auch bei Sandy wurde mit 4 Jahren eine Kastration med. notwendig. Bis dahin war ihr Verhaltensproblem weitgehend behoben, dennoch ist eine situative Destabilisierung deutlich merkbar.
Auch bei Sandy wurde mit 4 Jahren eine Kastration med. notwendig. Bis dahin war ihr Verhaltensproblem weitgehend behoben, dennoch ist eine situative Destabilisierung deutlich merkbar.

Natürlich ist mein Beitrag nur eine kleine Übersicht. Die Entscheidung liegt grundsätzlich bei euch

und sollte im Einzelfall gut abgewogen werden. Es gibt sehr wenige gut umgesetzte Studien dazu, was eine Kastration mit dem Verhalten unserer Hunde anstellt. Wie der Hund auf die fehlenden Hormone reagiert, gleicht oft einer Überraschungstüte. Meiner Erfahrung nach ist die Daumenregel:

Verhalten verfestigt sich. Insbesondere das als negativ wahrgenommene.

Ich kann euch zum Thema das Buch "Kastration und Verhalten beim Hund" von Sophie Strodtbeck/Udo Gansloßer sehr ans Herz legen.

(unbezahlte Werbung) 


Mein Fazit

Eine Kastration ersetzt kein Training und sollte nur bei medizinischer Notwendigkeit umgesetzt werden.

 

Liebe Grüße vom Hundecoach-Rudel

Lisa,

Sandy,

& Bella

 
 
 

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